Themenworkshop: „Vertrauen in Prognosen“

Moderatoren:

  • Dr. rer. nat. Timo Kessler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Prof. Schafmeister (Protokoll, Ergebnissicherung)
  • Prof. Dr. Maria-Theresia Schafmeister, Mitglied Kuratorium Stiftung „Forum Bergbau und Wasser“, Universität Greifswald
  • Dipl.-Geol. Dr. Florian Werner, Emscher Wassertechnik GmbH und die Lippe Wassertechnik GmbH (EWLW)

Kurze Zusammenfassung:

In zwei circa halbstündigen (digitalen) Zusammenkünften haben sich jeweils acht Teilnehmende mit dem Thema befasst, inwieweit Vertrauen in die Prognosen der Grubenwasseranstiege und den damit verbundenen Prozessen besteht, bzw. wie Vertrauen gebildet werden kann.

Während die Diskutanten der ersten Gruppe überwiegend im Saar-Revier tätig waren, als Vertreter einer Kommune, der Wasserversorger oder des Umweltministeriums sowie auch der RAG Aktiengesellschaft, traf in der zweiten Gruppe ein Kommunalvertreter auf eine Reihe von Fachleuten auf dem Gebiet der numerischen Modellierung. Entsprechend unterschiedlich verliefen die Diskussionen, die aber im Weiteren dieselben Ergebnisse erbrachten.

Zur Einführung wurde das Thema im Hinblick auf die Grubenwasserproblematik eingeengt: Was kann unter dem Begriff „Prognosen“ verstanden werden? Wie werden sie erzeugt? Wer erstellt sie? Weiterhin stellt sich die Frage, ob die Prognosen und ihre Grundlagen verstanden werden bzw. von wem? Und schließlich wer verwendet sie? Diese Fragen wurden in der Diskussion bald auch auf das Thema „Sachverständigengutachten“ erweitert.

Das Thema „Vertrauen in Prognosen“ hat beinahe zwangsläufig die Diskussion des Themas „Risikobewertung“ zufolge, denn dieser statistisch definierte Begriff wird in der Öffentlichkeit (Politik?) sehr unterschiedlich verstanden und oftmals fälschlich als Ausschlusskriterium verwendet, weil eine absolute Sicherheit erwartet wird.

Die teilnehmenden Fachleute waren sich einig, dass Prognosemodelle eine Vielzahl von Unwägbarkeiten aufweisen. Je komplexer sie aufgebaut sind, umso schwieriger ist ihre Nachvollziehbarkeit, vor allem für die Allgemeinheit (ein Teilnehmer äußerte die Befürchtung, es handle sich um „Kaffeesatzleserei“). Es wurde bemängelt, dass Zweck und Aussagekraft von Modellprognosen nicht hinreichend kommuniziert werden und so zwangsläufig Missverständnisse hervorrufen.

Es schließt sich die Frage an, ob man auf der Basis solch „fehlerbehafteter“ und „schlecht verstandener“ Prognosen überhaupt sinnvoll planen kann. Im Zusammenhang mit dem Management von Trinkwasser, aber ebenso bei der Ausweisung von Bebauungsplänen „muss“ man sich auf Prognosen verlassen können. Weiterhin stellt sich die Frage, wie oft und wo man Prognoseergebnisse durch Messungen (z.B. der Wasserqualität) verifizieren muss, bzw. ob Modelle/Prognosen nicht kontinuierlich anhand neuer Datenerkenntnisse weiterentwickelt werden müssen.

Zurückhaltung beim Vertrauen in Prognosen, vor allem von Nichtfachleuten wurde thematisiert: Es wurde die Frage aufgeworfen, was denn sei, wenn Prognosen eben nicht einträfen? Ebenso kann die Person/Institution, die eine Prognose/ein Gutachten erstellt, schnell ihre Glaubwürdigkeit einbüßen, wenn eben Vorhergesagtes nicht eingetroffen ist oder aber der Auftraggeber einer Studie gleichzeitig Interessenvertreter ist, man also die Unabhängigkeit einer Studie anzweifelt. Die Möglichkeit, auch eine zweite Meinung einzufordern, wurde angesprochen. Mehrfach wurde bei der Diskussion angemerkt, dass diese Fragestellungen ganz allgemeine gesellschaftliche Prognosen und Sachverständigengutachten (s. aktuelle Covid19-Diskussion oder die Klimaentwicklung) betreffen, also nicht allein auf das Grubenwasserthema anzuwenden sind.

Konkret bezogen auf das Thema Grubenwasser wurde aber bestätigt, dass ein „Monitoring“, also das Beobachten von Entwicklungen, etwa der Bodensenkung oder der Schadstofffrachten in Gewässern etc. ein geeignetes Mittel ist, der Unsicherheit der Bevölkerung zu begegnen und Vertrauen in das Verfahren zu fördern. Auch können Messdaten aus einem Monitoring ohne Erwartungswerte (aus einer Prognose) nicht in ihrer Bedeutung eingeordnet und bewertet werden. Die Motive und Maßnahmen des „Monitorings“ müssen dabei aber ausreichend erklärt werden. Mehr Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Prognosen könnte aber zusätzlich dadurch geschaffen werden, dass Erfahrungen aus anderen Regionen und aus der Vergangenheit hinzugezogen und transparent vermittelt würden. Bzgl. des Grubenwasseranstiegs in den deutschen Steinkohlenrevieren sollte mehr auf Erfahrungen aus Frankreich gesetzt werden; das Ruhrrevier sollte entsprechend vom Saar-Revier lernen, wo der Prozess schon weiter gediehen ist.

Die Diskussion in beiden Gruppen kam immer wieder auf das Thema, dass das gesamte Verfahren deutlich transparenter gestaltet werden muss. Das schließt die Erstellung von Prognosen und Modellen mit ein. Die Verfahrensabläufe müssen für jedermann – Betroffene, Entscheidungsträger, Politik, Betreiber und Fachleute – verständlich erläutert werden, auch und gerade, wenn die Thematik komplex ist. Die Prüfbarkeit von komplexen, modellgestützten Prognosen wurde kritisch in Frage gestellt, was die Notwendigkeit einer vertrauensbildenden Kommunikation fachlicher Zusammenhänge zusätzlich unterstreicht.

Stichpunktartige Mitschriften Runde 1 & 2 Themenworkshop: „Vertrauen in Prognosen“

Mitglieder

Felix, qui potuit rerum cognoscere causas. (Auf Deutsch: Glücklich ist, wer die Ursachen der Dinge erkennen konnte.)

Virgil
Dir. u. Prof. a.D. Dr. rer. nat. Dipl.-Geol. Wilhelm Struckmeier, Vorsitzender des Kuratoriums

Dir. u. Prof. a.D. Dr. rer. nat. Dipl.-Geol. Wilhelm Struckmeier, Vorsitzender des Kuratoriums

Veränderungen begünstigen nur den, der darauf vorbereitet ist

Louis Pasteur
Prof. PD Mag. Dr. nat. techn. Sylke Hilberg

Prof. PD Mag. Dr. nat. techn. Sylke Hilberg

Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger für sie reif ist.

Christian Morgenstern
Dipl.-Stat. Rainer Lüdtke, Teamleiter Stiftungsmanagement – Schwerpunkt Wissenschaft und Umwelt Deutsches Stiftungszentrum

Dipl.-Stat. Rainer Lüdtke, Teamleiter Stiftungsmanagement – Schwerpunkt Wissenschaft und Umwelt Deutsches Stiftungszentrum

Es ist die Neugier, die mich antreibt, nichts als die schiere Neugier.

Thomas Reiter
Prof. Dr. rer. nat. Dipl.-Geol. Christian Melchers, stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums

Prof. Dr. rer. nat. Dipl.-Geol. Christian Melchers, stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums

Den Fortschritt verdanken wir Menschen, die entweder gefragt haben: ‚Warum?‘ oder ‚Warum nicht?‘

Robert Lembke
Prof. Dr. rer. nat. habil. Dipl.-Geol. Maria-Theresia Schafmeister

Prof. Dr. rer. nat. habil. Dipl.-Geol. Maria-Theresia Schafmeister

Was das Blut für den Menschen, ist das Wasser für die Erde.

Hermann Lahm
Prof. Dr. rer. nat. habil. Georg H.E. Wieber

Prof. Dr. rer. nat. habil. Georg H.E. Wieber

Ich betrachte Grubenwasser als künftige Energie- und Rohstoffquelle und nicht als Abfallstrom.

Prof. Dr. rer. nat. habil. Dipl.-Geol. Christian Wolkersdorfer

Prof. Dr. rer. nat. habil. Dipl.-Geol. Christian Wolkersdorfer

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